Klaus Frank.......................Bücher und Erzählungen


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Geister der Vergangenheit

Im Dunkel einer Winternacht ... Veronika ... Nächtliche Jagd ... Spur ins Gestern ... Dunkle Seelen ... Die dunkle Welt von Helden und Schändern ... Geister der Vergangenheit

Sieben Erzählungen, gleichermaßen anspruchsvoll und packend geschrieben.

IM DUNKEL EINER WINTERNACHT: Beobachten Sie, welche Anstrengungen eine einsame Frau auf sich nimmt, den Mann ihres Lebens zu finden.

Begeben Sie sich in VERONIKA auf die Spuren Edgar Allen Poes und widmen Sie sich den teuflischen Experimenten an einer Todgeweihten.

Verfolgen Sie in NÄCHTLICHE JAGD, wie ein Mann zufällig Zeuge eines perversen Vergnügens wird.

Durch einen scheinbar harmlosen Spaß wird ein Mann ins Verderben gezogen. Lesen Sie SPUR INS GESTERN.

Lernen Sie in DUNKLE SEELEN den verzweifelten Protagonisten kennen, der wegen seiner Wettschulden einen perfiden Mordplan erstellt.

Dringen Sie ein in DIE DUNKLE WELT VON HELDEN UND SCHÄNDERN.

Und zuletzt machen die GEISTER DER VERGANGENHEIT auch vor einer Frau nicht Halt, die sich um den Nachlass ihrer verstorbenen Mutter kümmert.


Totenrache

Verlorene Seelen ... Country House ... Die letzte Illusion ... Das Geheimnis des Toten ... Die Geisel ... Flucht zur Leidenschaft ... Totenrache ... Simmons Heimkehr ... Gräber von Helden und Schändern ... Der unheimliche Schwimmer ... Von den Toten zurück

Elf anspruchsvolle Geschichten werden Sie in eine abgründige Welt entführen. Entdecken Sie die Geheimnisse des Lebens und folgen Sie den trügerischen Lockungen des Todes.



Einige Leseproben

Im Dunkel einer Winternacht

Etwas riss mich aus dem Schlaf, der unruhig gewesen sein musste, wie ich feststellte, als meine Hand über das verrutschte Laken strich. Durch das geöffnete Fenster drang eiskalte Luft herein; dennoch glühte mein Gesicht so stark, dass ich befürchtete, Fieber zu haben. Ein Glockenlaut vertrieb die Gedanken, und mir war klar, dass das Läuten der Kirchenglocken mich geweckt hatte.

Ich lehnte mich zurück in das feuchte Kissen und warf einen Blick nach links, wo unter der Bettdecke ein massiger Körper schlummerte. Ich verzog das Gesicht zu einem Lächeln, doch es wurde eher eine Grimasse des Abscheus. Wieder nichts, schoss es mir durch den Kopf, und ich erschauderte unter dem Gefühl des Frusts. Immer wieder traf ich auf Männer, die, einem eitlen Pfau gleich, ihre Großartigkeit priesen, doch nach und nach löste sich der scheinbare Glanz in Wohlgefallen auf, und was übrig blieb, war bestenfalls ein kümmerliches Gerippe aus Lügen und falschen Versprechungen. Woran lag das nur? Lag es an mir?, überlegte ich, obwohl ich mir längst geschworen hatte, derartige Gedanken niemals mehr zuzulassen. Sie führten zu nichts, außer zu Schuldgefühlen, die mich wie eine schwarze Flut in die Tiefe rissen, aus der es kein Entrinnen gab. All die ganzen Nächte voller Tränen und Geflenne und grenzenlosem Hass auf mich selbst.

Dabei wusste ich doch insgeheim, dass es nichts mit mir zu tun haben konnte; ich war, wenn ich es darauf anlegte, sehr charmant und überdies eine gute Zuhörerin. Ich plapperte oder schwätzte nicht drauflos, da ich nur zu genau wusste, dass die meisten Männer dies eher einschüchterte; vielleicht sahen sie dann in ihrem Gegenüber, mochte es noch so hübsch sein, einen feuerspeienden Drachen, der sie zu verschlingen drohte. Dieses Bild vor Augen, gelang mir nun doch ein schwaches Lächeln, das ich in die Dunkelheit verschwendete, die mich umgab wie ein Leichentuch.

Und ja; man konnte mich durchaus hübsch nennen. Jedenfalls hatte ich Komplimente dieser Art oft gehört, und nicht alle konnten eine Lüge gewesen sein. Die Wortwahl änderte sich zwar ständig, je nach Charakter desjenigen, mit dem ich es zu tun hatte, doch am Ende kam das alles aufs Gleiche raus: Du bist hübsch, jedenfalls für ein paar Nächte. 

Und dennoch: Das Feuer, loderte es am Anfang auch noch so hoch, erlosch bald zu einem müden Funkeln, dann zu kalter Asche, und meine Erkenntnis war immer, dass meine Liebschaften zu nichts taugten, ein Makel gesellte sich zum anderen, als wäre das ein Naturgesetz.

Ich runzelte die Stirn, als ich über den Namen des Mannes neben mir nachdachte. Erst nach einigen Sekunden fiel er mir wieder ein: Peter, ein Name, der so gewöhnlich war wie der Mann selbst: ein Anhänger von Borussia Dortmund, jahrelang im Besitz einer Dauerkarte, sein Lieblingsgetränk war Pils, am liebsten aß er Schnitzel, er hatte zu viele Haare am Rücken und einen beachtlichen Bauchansatz. Ein Name, ein Mann zum Vergessen. Ich hätte es wissen müssen, als er vor mir stand und seinen Namen stammelte.

Ich starrte ihn an, und da sich meine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten, erkannte ich Konturen seines bleichen Gesichts, das schlaff und eingefallen wirkte.

»Peter«, murmelte ich leise in die Finsternis hinein und achtete darauf, ob der Name etwas in mir berührte, doch da war keine Trauer, kein Ärger. Wozu auch? Es gab schließlich nichts zu bedauern.

Vorsichtig lupfte ich die Bettdecke von Peters Körper. Das Messer steckte immer noch in seiner Brust. Er hatte nur wenig Blut verloren, sah ich, während ich prüfend meinen Blick über das Laken unter ihm inspizierte. Zwar machte ich mir nichts aus verspritztem Blut, aber dennoch vermied ich es gern, in einem besudelten Bett zu schlafen. Ein leises Gefühl der Sympathie durchschlich mich, doch gleich darauf schalt ich mich für diese absurde Empfindung. Die Tatsache, dass Peter in den Sekunden seines Todes nicht sinnlos sein Blut verspritzt hatte, machte aus ihm keineswegs einen besseren Menschen.


Spur ins Gestern


Mit einem lauten Knall fiel die Wohnungstür hinter mir ins Schloss, und ich verspürte große Erleichterung, war es doch beinah so, als hätte ich der gefräßigen und hässlichen Welt ein Schnippchen geschlagen. Seufzend wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Die Sonne hatte mir den Schädel reichlich zernagt, mein Gesicht und mein Nacken glühten entsetzlich.

Aufstöhnend zog ich meine Schuhe aus und kickte sie achtlos in eine Ecke, wo sie sich zu anderen Paaren gesellten, auch zu jenen, die seit dem Winter unberührt dort standen. Ihr Anblick erinnerte mich daran, dass ich dringend Ordnung schaffen musste; in meiner Wohnung, die ein Hort des Chaos zu werden drohte, in meinem Kopf, in meinem Leben. Ich schüttelte leicht den Kopf und vertrieb damit diesen störenden Gedanken. Dann ließ ich mich in den Sessel fallen, der im Grunde viel zu groß und wuchtig für mein Wohnzimmer war und ziemlich genau den Mittelpunkt bildete. Einige Sekunden später bedauerte ich, dass ich mir zuvor nicht noch ein kaltes Bier aus der Küche geholt hatte. Da ich mich jedoch bereits in einer bequemen Schlummerhaltung befand, verspürte ich keinerlei Drang, mich wieder zu erheben und zum Kühlschrank zu gehen. Vielmehr hoffte ich, dass Claudia sich erbarmen würde. Doch ein Blick auf meine Freundin sagte mir, dass meine Hoffnung vergebens war.

Erneut wischte ich mir über meine heiße Stirn. Hol´s der Teufel, dachte ich finster, ich habe wirklich einen Sonnenbrand.

Nach dem erschöpfenden Besuch auf dem Antikmarkt hatte ich noch immer die schmalen, mit scheinbaren Kostbarkeiten vollgepfropften Gänge vor Augen, in denen an ein schnelles Vorankommen überhaupt nicht zu denken war. Vom mühseligen, immer wieder stockenden Umherlavieren von Stand zu Stand wurde ich müde und gereizt, wie immer, wenn ich mich einer solchen Freizeitbeschäftigung hingab, und ich wusste kaum, was schlimmer für mich war: mein schmerzender Rücken, die aufgestaute Hitze oder der Geruch von Schweiß und Staub, der allgegenwärtig war. Hinzu kamen einige rücksichtslose Menschen, die sich mit spitzen Ellenbogen ihren Weg bahnten; ich hatte es irgendwann aufgegeben, die Hiebe und Knüffe zu zählen, aber ich nahm an, spätestens am nächsten Tag sähe mein Körper aus wie der eines ramponierten Veteranen.

Claudia machte all das nichts aus; sie verharrte an beinah jedem Stand, auch wenn es dort Dinge zu erstehen gab, die ich manchmal kaum zu identifizieren wusste. Sie palaverte mit den Verkäufern, lachte mit ihnen und drohte spielerisch mit den Fingern, machte Angebote, verdrehte divenhaft die schönen Augen und zog mich, wenn sie die Lust an der Auseinandersetzung verlor, zum nächsten Stand, wo das Spiel von Neuem begann.

Sie wirkte auch jetzt nicht im Mindesten müde, und in ihren Augen saß immer noch dieses Funkeln, das die Freude über ihre zahlreichen Schnäppchen verriet. Nicht zum ersten Mal stellte ich mir die Frage, wie ein Mensch über eine derartige Energie verfügen konnte. Manchmal bildete ich mir ein, dass ihre immerwährende Wachheit im genauen Gegensatz zu meiner Energielosigkeit stand.

Irgendwann würde dieser nicht zu leugnende Punkt gewiss unserer Beziehung schaden. Schon jetzt zog sie gelegentlich eine Schnute und warf mir Schlaffheit vor, wenn sie wieder ein Programm für uns zusammengestellt hatte, das es zu absolvieren galt. Wenn ich entgegnete, ein Fernsehabend wäre doch völlig ausreichend, bekam ich zu hören, dass dies ja wohl kein Leben wäre. Spätestens an diesem Punkt wurde eine Diskussion über eine erfüllende Freizeitbeschäftigung unvermeidlich.

Sie gierte danach, nach diesem Leben. Sie musste raus, unter Leute gehen, neue Erfahrungen machen, immer in Bewegung sein. Wir kannten uns erst seit drei Monaten, und in dieser kurzen Zeit hatte ich schon eine Menge Aktivitäten mitgemacht, die mir ohne Claudia nicht im Traum eingefallen wären. Und dachte ich an die Pläne, die sie für den kommenden Sommer bereits erstellt hatte, konnte ich ein mulmiges Gefühl kaum unterdrücken. Ausreden konnte ich sie ihr kaum, sie würde ihre Ideen in die Tat umsetzen; mit mir oder ohne mich.

Was hielt mich an ihrer Seite, fragte ich mich manchmal, ohne eine rechte Antwort zu erhalten. War es Liebe oder nur das vage Gefühl, eine Beziehung würde so manch leeren Raum in meinem Geist versiegeln? Was gäbe es dort zu entdecken, in diesen Räumen? Lieber nicht daran denken, sondern stattdessen an Claudias Seite dahinhetzen.

Müde und abgekämpft saß ich im Sessel und beobachtete, wie sie ganz gönnerhaft einen Teil ihrer neu erworbenen Anschaffungen in meiner Wohnung verteilte. Sie kramte Kerzenständer, nach altem Papier und Staub riechende Bücher und irgendwelchen Tinnef aus dem Wust der Tüten und drapierte all das so, wie sie es für angebracht hielt. Einen Teil des Krams stellte sie in die alte Vitrine, in der ich nur Gegenstände aufbewahrte, die mir ans Herz gewachsen waren, wie zum Beispiel eine alte, noch funktionstüchtige Pistole, die mir mein Großvater vor vielen Jahre zum Geschenk gemacht hatte, außerdem Spielzeugautos, welche die Zeit unbeschadeter überstanden hatten als ich, oder einen ausgeschlagenen Zahn.

Mit einem leisen Murmeln schob Claudia die Gegenstände in der Vitrine hin und her, beobachtete das neue Arrangement eine Weile und begann dann von neuem. Sie war ganz in ihrem Element und vergaß völlig, dass ich in der Nähe war. Das alles bekümmerte mich, wahrscheinlich in erster Linie deshalb, weil es auf meinem Territorium geschah, daher wandte ich mich mit entschlossener Miene dem einzigen Kauf zu, den ich auf dem Markt getätigt hatte, und das auch nur, um Claudia einen Laut des Missfallens zu entlocken, mit dem sie zum Ausdruck brachte, wie peinlich ich in ihren Augen manchmal war.

Mit interessiertem Kennerblick schaute ich auf die Titelseite einer Musikzeitschrift mit dem Namen Hot Music aus dem Jahr 1976. Ich konnte mich nicht erinnern, zur damaligen Zeit jemals auf ein solches Exemplar gestoßen zu sein; offenbar handelte es sich um eine echte Rarität, die heute niemand mehr kannte.

Mehr aus Protest als aus echtem Interesse begann ich die Seiten umzublättern und stieß auf Idole meiner Jugend. Einige Artikel entlockten mir ein Grinsen oder ein Stirnrunzeln oder beides zugleich. Für eine Weile vergaß ich sogar meinen Durst.

»Sentimentale Erinnerungen?«, erkundigte sich Claudia und zwinkerte mir auf ihre typisch herablassende Art zu, von der sie genau wusste, dass sie mich damit zur Weißglut treiben konnte.

»Eigentlich nicht«, entgegnete ich knapp und verzichtete darauf, länger als nötig zu ihr aufzublicken. Insgeheim ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich mal wieder meine Mimik nicht unter Kontrolle hatte. Stoisch blätterte ich weiter Seite um Seite um und blieb schließlich bei einer ganzseitigen Werbung im Mittelteil hängen, die mit dem Slogan pries: Ein Gedächtnis wie ein Computer. Daneben prangte ein Foto eines überlegen – oder arrogant - schauenden Mannes.

Mit wachsendem Staunen überflog ich den Text, der aus nichts weiter als Unfug bestand. Sofortiger Erfolg wurde für jeden vorhergesagt, der ein Buch bestellte; es sei sicher, denn die Methode könne nicht fehlschlagen, sie sei wissenschaftlich fundiert. Die Werbung damals schien noch plakativer gewesen zu sein als die heutige, und dieser Gedanke brachte mich dazu, die Zeitschrift in meinen Händen nach weiterer Werbung zu durchsuchen.

Ich blätterte einige Seiten zurück und studierte andere Anzeigen, die meist deutlich kleiner und unscheinbarer ausfielen. Sie boten dem Interessenten Bargeld in Form eines Kredits an, der schnell und unbürokratisch ausgezahlt würde, außerdem konnte man Frauen aus jedem Winkel der Welt und Waffen wie zum Beispiel Gaspistolen oder Wurfmesser bestellen. Neben Bildern von klobigen, unverschämt teuren UKW-Empfängern versprach ein Roulette-System sichere Gewinnchancen. Mit wachsendem Staunen betrachtete ich diese Heerscharen von abstrusen Verkaufsschlagern und Modewellen, die aus längst vergangenen Zeiten stammten.

Ich ertappte mich bei dem Gedanken, den Botschaften auf vergilbtem Papier neues Leben einzuhauchen. Zumindest wollte ich mir einen Spaß erlauben, der auf Kosten der Post ginge, die ein Hinterhof-Unternehmen suchen musste, das es schon seit Jahrzehnten nicht mehr gab.

Ich überlegte eine Weile, was ich bestellen sollte. Um zumindest in moralischem Sinne Claudia eins auszuwischen, entschied ich mich für eine kleine Anzeige mit folgendem Text: Sportwagenfahrerin mö. nicht mehr allein sein. Bin 25jähr., blond, blauäugig, ledig. Habe ein wenig Vermögen. Nur die Liebe soll entscheiden. Sag mir, wo wir u. treffen. Anna W., 4 Düsseldorf 1, Postfach 14.

Ich wartete geduldig wie eine Spinne im Netz, bis Claudia meine Wohnung zur Genüge umdekoriert hatte. Auf ihre unvermeidliche Frage, ob wir noch etwas unternehmen wollten, entgegnete ich mit klagender Stimme, die vor Kraftlosigkeit vibrierte, ich sei sehr müde und wolle nun ein wenig schlafen, und wenige Minuten später verschwand sie mit ihrer typischen Du-wirst-es-noch-bereuen-Miene.

Gleich darauf nahm ich einen Stift und einen Zettel zur Hand und schrieb in beängstigend ungelenker Schrift ein paar Zeilen an die vor 40 Jahren gewiss hübschen Anna W. aus Düsseldorf.


Die dunkle Welt von Helden und Schändern


Der Wind, der in unberechenbaren Bösen vom Hafen her in die Stadt hineinzog, brachte den Duft von brackigem Wasser und verrottenden Fischeingeweiden mit, und Brendan blieb nichts anderes übrig, als diese Gabe mit einiger Würde zu erdulden. Sein Gesicht war unbewegt, doch seine Augen tränten so stark, als wäre er Teil einer großen Tragödie.

Er blickte auf das alte, wurmstichige Wirtshaus, das schmutzig in der Nähe des Bostoner Hafengebiets aufragte und in der Dunkelheit eine gewisse Ähnlichkeit mit einer monströsen Kröte hatte, die hungrig im Morast kauerte. Es gab jedes Mal, wenn die Tür geöffnet wurde, einen obszönen Rülpser von sich; immer wieder spie es torkelnde Gäste aus, die brabbelnd oder lachend, allein oder in Gesellschaft den Heimweg antraten. Manche von ihnen warfen ihm, Brendan, einen schwerfälligen Blick zu, und er konnte selbst aus einiger Entfernung den billigen Alkohol riechen, der den Gesellen aus jeder Pore ihres Körpers quoll. Die Straße, die an der Schänke vorbeiführte, war von den Regenfällen der letzten Tage in eine Schlammwüste verwandelt worden, und jedes Zögern der Passanten führte dazu, dass der Morast gierig an ihren Schuhen sog.

The Raven war eine finstere Spelunke, aber immerhin eine, die eine fragwürdige Berühmtheit errungen hatte, und zwar wurden mehrmals im Monat Attraktionen geliefert, auf die Wetten platziert werden konnten. Die Verlockung eines nicht unbeträchtlichen Gewinns zog Menschen, die sich ansonsten eher naserümpfend aus dem Weg gegangen wären, in dieses ehrenwerte Etablissement: Soldaten mit blank geputzten Stiefeln kamen genauso dorthin wie nach Eingeweiden toter Tiere riechende Schlachter und ungewaschene Hafenarbeiter, die mit Buchhaltern über die angebotenen Wettkämpfe debattierten.

Kampftrinken, Hundekämpfe, neuerdings auch Duelle zwischen Hund und Ratten, Hahnenkämpfe; sämtliche Lebewesen, die einen Funken Selbsterhaltungstrieb im Blut hatten, dienten als Kandidaten, und so kam es, dass die Spelunke, die weder Komfort noch ein Mindestmaß an Sauberkeit bot, in aller Regel aus allen Nähten platzte.

Die Zuschauer gierten nach dem Blut der Verlierer und auch der Sieger, die in vielen Fällen die Arena nur wankend und angeschlagen verließen. Die Lust der Besucher war grenzenlos, und so kamen bald auch Boxen und Ringkämpfe hinzu. Ganz besonders begehrt waren Auseinandersetzungen zwischen Freiwilligen, die eine Versehrtheit aufwiesen; wenn ein Blinder gegen einen Armamputierten antrat oder ein Zwerg sich mit einem Schwachsinnigen duellierte, schossen die Wetteinsätze in die Höhe. Zwar waren solche Kämpfe verboten, aber gelegentliche Kontrollen und auferlegte Strafen wurden achselzuckend vom Besitzer akzeptiert. Nicht selten fanden sich die Kontrolleure unter den Zuschauern.

Brendan stieß einen zitternden Seufzer aus, der seinen eigenen Ohren schmeichelte; er wusste, gleich wurde es Zeit für ihn, das Haus zu betreten. Seine Aufgabe war es, dort Ordnung zu schaffen, die Böden zu wischen, die Bierkrüge zu spülen und die Kadaver aufzulesen, und er widmete sich ihr mit größter Aufmerksamkeit.

Die Worte von McCean, dem Besitzer, waren ihm noch in guter Erinnerung: »Behandle mein Haus wie deine Geliebte, Junge. Die würdest du niemals zugrunde richten, nicht wahr? Denk dran, dass das Wirtshaus mein Eigentum ist. Sollte mir zu Ohren kommen, dass du dich gegen meine Anweisungen stellst, wirst du teuer dafür bezahlen.«

Brendan glaubte dem Mann, einem irischen Einwanderer, der seinen unglaublich massigen Körper mit graziler Eleganz von einem Ende des Tresens zum anderen bewegte, vorbehaltlos. Er befand sich in McCeans Hand, und das war ganz allein seine, Brendans, Schuld, denn in einer Sekunde geistiger Umnachtung hatte er eines Abends über den Tresen gelangt und ein paar Geldscheine aus der unbewachten Kasse geangelt. Jemand musste dem Wirt diese Geschichte erzählt haben, denn es dauerte nur wenige Minuten, und Brendan wurde von McCeans Wanst schier erdrückt, während die Augen des Mannes ihn finster musterten. Entweder, so grollte der Ire, würde er ihn nun eigenhändig zur Polizei schleifen oder aber, großmütig, wie er sei, die Sache vergessen, wenn Brendan bereit wäre, für eine gewisse Zeit das Etablissement in Ordnung zu halten.


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